Die Millenniums-Entwicklungsziele
im Südlichen Afrika



Tansania

Ziel 2: Verwirklichung der allgemeinen Primarschulbildung

2006 sollen 100% der tansanischen Kinder in eine Primarschule aufgenommen werden, das Millenniumsziel ist also bald erreicht. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass das Land von einer angemessenen Bildung für alle noch ein erhebliches Stück entfernt ist. Die Qualität des Unterrichts ist vielerorts unzureichend. Neben großen Klassen (bis zu 200 Kinder) ist ein Hauptgrund dafür, dass die Lehrerinnen und Lehrer unter schwierigen Bedingungen arbeiten müssen, schlecht bezahlt sind und darunter auch ihre Motivation leidet.

Hakielimu, eine tansanische Nichtregierungsorganisation im Bildungsbereich, hat 2004/2005 eine Untersuchung zur Situation der Lehrerinnen und Lehrer durchgeführt. Ein Ergebnis lautet: "Viele Lehrerinnen und Lehrer verfügen nur über eine minimale Ausstattung mit Lehrmaterial, werden kaum intellektuell gefördert und ihre Gehälter sind oft nicht ausreichend, um sich und ihre Familie davon zu versorgen." Ein Grundschullehrer verdient umgerechnet 80 Dollar im Monat, kaum mehr als ein Drittel dessen, was ein Angestellter einer Bank erhält. Viele Lehrerinnen und Lehrer sind gezwungen, eine oder mehrere weitere Tätigkeiten zu übernehmen, um finanziell zu überleben, was auf Kosten der Präsenz in der Schule und der Vorbereitung auf den Unterricht geht. Dem niedrigen Einkommen entspricht das niedrige Ansehen der Lehrerinnen und Lehrer, -- dies in dem Land, dessen erster Präsident Julius Nyerere den Ehrentitel "Mwalimu" (Lehrer) trug. Ein Lehrer sagte bei der Halielimu-Befragung: "Lehrer werden nicht länger respektiert. Ich habe einmal einigen Schülern vorgeschlagen, den Lehrerberuf zu ergreifen. Sie brachen in Gelächter aus. Die Schüler sehen die Bedingungen, unter denen wir leben, und das Leben, das wir führen -- so möchten sie nicht leben." Die von den internationalen Kreditgebern erzwungene Sparpolitik der Regierung wirkt sich auch auf die Gehälter der Lehrkräfte und ihr Ansehen in der Gesellschaft aus.

Dass viele Lehrerinnen und Lehrer an AIDS erkranken und sterben, erhöht die Arbeitslast für die anderen noch und macht es um so dringender erforderlich, in die Qualität des Bildungswesens zu investieren. Nur so wird zu erreichen sein, dass alle Kinder die Primarschulbildung nicht nur beginnen, sondern auch abschließen können. Erreicht werden muss auch eine Reduzierung der Zahl der Kinder, die arbeiten müssen, um zum Überleben der Familien beizutragen. Eine kürzliche ILO-Studie ergab, dass 718.000 Kinder zwischen fünf und siebzehn Jahren arbeiten müssen, manche davon in Bergwerken und in der Sexindustrie. Innerhalb von drei Jahren haben Behörden mehr als 30.500 Kinder aus den schlimmsten Formen der Arbeit befreit. Aber auch umfangreiche häusliche Arbeiten hindern Kinder und vor allem Mädchen daran, zur Schule zu gehen oder sich auf den Unterricht vorzubereiten.

Eine zweite Gruppe, der Bildungsmöglichkeiten vorenthalten werden, sind Straßenkinder. In der Zeitschrift "Habari" schrieb Nasrin Siege kürzlich über die Straßenkinder: "Und jede Geschichte spricht von Trauer, Verzweiflung, Wut und Gewalt. So wie die Geschichte des Jungen, der als Kleinkind während eines Streits seiner Eltern ins Feuer fiel. Er hat an den Armen Verbrennungsnarben und seine beiden Hände sind verstümmelt. Oder das Mädchen, das nach dem Tod der Eltern von einem ‚freundlichen’ Bekannten der Familie nach Dar es Salaam mitgenommen wurde, mit dem Versprechen, sie könnte hier die Schule wieder besuchen. Doch stattdessen wurde sie als billige Arbeitskraft im Haushalt ihrer Brotgeber missbraucht. Als sie die Familie auf das ihr gegebene Versprechen ansprach, wurde sie verprügelt, und als sich der Hausherr ihr sexuell näherte, lief sie weg auf die Straße. Wie diese Kinder haben viele ein großes Maß an Gewalt an Leib und Seele erfahren."

Als weiteres Problem erweist sich, dass der Anteil der Kinder weiterhin gering ist, die von der Primar- auf die Sekundarschule wechseln können. Dies gilt besonders für Mädchen. Hinzu kommt, dass der Anteil der Mädchen hoch ist, die die Sekundarschule wegen einer Schwangerschaft oder aus anderen Gründen abbrechen. Besonders erschreckend ist, dass in vielen Fällen Lehrer für die Schwangerschaft verantwortlich sind, nicht selten durch Vergewaltigung der Mädchen. Eine Abgeordnete sagte im Februar 2004 im tansanischen Parlament: "Das Erziehungsgesetz 1978 bestraft Schülerinnen, die schwanger werden. Dafür verantwortliche Lehrer werden lediglich an eine andere Schule versetzt." Die Regierung sagte zu, härter gegen die betreffenden Lehrer vorzugehen.

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